Tassilo de la Torre

Essay · Die Donau

Halte durch, Europa

Ein siebzig Jahre altes Faltboot, tausend Kilometer Fluss im Rücken und ein Kontinent, der repariert werden muss.

Budapest, August 2025 Tassilo de la Torre Schönborn Geschrieben auf der Donau

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Auf dem Dach eines sowjetischen Bootshauses stehend, greife ich in den Beutel, zum Bersten gefüllt mit Reparaturmaterial. Auf der anderen Donauseite strahlt das Parlament in vornehmer, historischer Würde, doch meine Augen gelten nur der Zukunft: meinem siebzig Jahre alten Faltboot.

Das Holzgerüst, das die Bootshaut spannt, ist vielerorts gebrochen, es quietscht, wackelt. Die Haut leckt an zahllosen Stellen, und war sie einst grau, so ist sie nun bunt von all den Flicken, die ich ihr verpasst habe.

„Halte durch, Europa“, flüstere ich dem Faltboot zu. „Noch sechzig Tage, und wir erreichen das Delta, die Ukraine, das Schwarze Meer.“ Fast tausend Kilometer haben wir die Donau nun begleitet, das Faltboot samt Mannschaft, bestehend aus meinem schwarzen Hund Fluffo und mir. Seit einem Monat schon treiben wir auf dieser zeitlosen Wasserader Europas, von Ulm über Ingolstadt, Regensburg, Wien und Bratislava bis nach Budapest.

Vier Hauptstädte, zehn Länder, wiederhole ich in meinem Kopf, der längste Fluss der Europäischen Union. Und mittendrin, zwischen Schifffahrt und Wogen, ein melancholischer, doch optimistischer Sohn des alten Kontinents, paddelnd auf seinem Boot Europa, auf dem Weg, ihn fürs Erste zu verlassen.

Fluffo gähnt laut. Solche komplizierten Gedankengänge sind ihm gleichgültig; er überlässt sie uns Menschen. Ein länglicher Zettel löst sich aus dem Beutel und fliegt davon. Ich springe hinterher. Es ist die Rechnung für die Notlösungen, für den Kleber. Mürrisch stecke ich sie zurück. Das Reparaturmaterial war teuer, teurer wäre aber ein versunkenes Europa, versuche ich mich aufzumuntern. Eine bittere, ironische Metapher. Auch meine geliebte Union ist ein teures, schwermütiges, geflicktes Boot, das in der immer stürmischeren Welt der Giganten, wo die Regeln der Mächtigen gelten, zu versinken droht.

Das merke ich mir, flüstere ich wehmütig, bevor ich noch einen Blick zum Parlament werfe, in dem Orbáns Kabinett Pläne schmiedet, und mache mich erneut an die Arbeit. Denn mein Europa muss repariert werden. Meine Zukunft hängt davon ab. Auch die Donau wird breiter, mächtiger, ihre Wogen höher.


Tassilo de la Torre Schönborn ist die Donau allein von Ulm bis ans Schwarze Meer gepaddelt, in einem Faltboot aus den fünfziger Jahren, und danach per Anhalter über Land weiter bis nach Kasachstan und Kirgisistan. Acht Monate insgesamt. Er hat an der TU München Architektur studiert und arbeitet als Fotograf.